Bericht aus Südafrika von Anita

Sonntag, 14.1.2018 Es geht los! Ich starte in mein 3-monatiges Südafrika – Projekt. Damit verwirkliche ich mir in meinem Sabbatjahr einen Traum. Ich hatte mich über die verschiedensten Projekte informiert. Aber als mir Martin Fackler, über die Hope Schools in East London erzählt, die von „Von Herz zu Herz“ unterstützt wird, ist es Liebe auf den ersten Blick: Kinder und Schule – genau das, wofür mein Herz schlägt und wo ich als Lehrerin auch wirklich hilfreich sein kann. „Von Herz zu Herz“ stellte den Kontakt für mich her und nachdem ich mich bei Ethne Buchner, der Mitgründerin von Hope Schools vorgestellt, mich mit ihr ausgetauscht und Formalien hin und her geschickt wurden, war ich als „volunteer“ an der Hope angenommen. Dann Impfungen, Flugtickets, Englisch lernen…Sachen in Koffer rein und wieder raus!

Die Hälfte meines Koffers ist mit Unterrichtsmaterial gefüllt – ich habe keine feste Vorstellung mit welcher Ausstattung ich rechnen kann und in welchen Klassenstufen ich arbeiten werde. Also nehme ich alles mit, was flexibel und auf Englisch einsetzbar ist. Burkhard Buchner (BB) holt mich vom Flughafen ab und mit der ersten Umarmung ist klar, dass ich hier prima aufgehoben bin. Netterweise haben mir Ethne und BB angeboten in einem Appartement in ihrem Haus zu wohnen, weil ich ja mit meinen 44 Jahren nicht mehr ganz in das übliche volunteer–Raster falle. Damit habe ich mein eigenes Reich und trotzdem Familienanschluss mit abwechselndem Kochen und gemeinsamen Essen. Für mich perfekt! Schon am Tag nach meiner Ankunft geht es los. Alan Staples, Rektor im Ruhestand und Seele der Schule, zeigt uns das Gelände und die Gebäude und erzählt uns die schier unglaubliche Geschichte von der Entstehung und Entwicklung von Hope Schools. Eine Schule, die allein auf Spendenbasis geführt wird, die getragen wird von unfassbarer Einsatzbereitschaft und Idealismus und die inzwischen über 250 Kindern, vom Kindergarten bis zur 9. Klasse, die Möglichkeit zu einem geregelten Schulbesuch gibt. Ich bin beeindruckt vom nachhaltigen und durchdachten Baukonzept und von der pädagogisch kindgerechten Ausstattung. Hier können Kinder für eine moderne Welt lernen.

Von Anfang an zieht es mich in die 2. Klasse. Die Lehrerin, Miss Lin und ich - ich heiße hier übrigens Miss Anita - verstehen uns auf Anhieb. Ich bleibe gern in einer Klasse, lerne „meine“ Kinder kennen. Deswegen und weil ich Lehrerin bin fragt mich der Rektor, ob ich mir vorstellen könnte, die vakante Stelle des learnerships für die 2. Klasse zu übernehmen. Damit bin ich jetzt südafrikanischer Referendar. Als volunteer hätte ich mit einzelnen Kindern aus verschiedenen Klassen differenziert gearbeitet, hätte verschiedene duties, das heißt Aufsichten und Dienste übernommen und dem Hausmeister bei praktischen Arbeiten oder in der Bücherei geholfen. Jetzt arbeite ich Miss Lin zu, erledige organisatorische Arbeiten und Korrekturen, übernehme Gruppenunterricht in Mathematik, halte die Stunden des Fachs „Life Skills“ für die ganze Klasse (hier lernen die Kinder wichtige lebenspraktische Inhalte, vom richtigen Sonnenschutz über die Funktion von Kläranlagen und den Möglichkeiten des Streitschlichtens…), - und ich leite jetzt die school-dramagroup, die Theatergruppe. Leider sind die volunteer duties, vor allem die Aufsichten an mir kleben geblieben. Der Plan war einfach schon eingeteilt.

Von daher sind meine Tage gut angefüllt: Aufsichten beginnen um 7.30 Uhr mit der breakfast duty, wenn die Kinder von den Kleinbussen gebracht werden und ihr warmes Frühstück essen, das sie von der Schule bekommen. Unterrichtsbeginn ist dann um 8:00: Alle Klassen setzen sich draußen in Reih und Glied auf den Boden und dann startet man mit einem gemeinsamen Gebet in den Tag. Danach geht es ins Klassenzimmer. Die erste 15-minütige Pause ist um 10:00, in der die Kinder Obst zu essen bekommen. Mittagessen gibt es um 12:00 Uhr und von 12:30 Uhr bis 14:15 Uhr haben die Kinder nochmal Unterricht. Danach werden sie mit einem kleinen Snack entlassen und von den Kleinbussen wieder nach Hause gebracht. Mein Arbeitsvertrag sieht vor, dass ich bis 15.30 Uhr bleibe. Das ist kein Problem! Arbeit gibt es genug und oft nützen wir die Zeit, um zu besprechen, was für den nächsten Tag ansteht, aber auch methodische und erzieherische Probleme, denn die Kinder fordern uns ganz schön.

Das Auswahlkriterium für die Annahme von Kindern an der Hope Schools ist, dass sie von der Krankheit AIDS in irgendeiner Form betroffen sind. Das heißt, entweder sind die Eltern HIV infiziert, die Kinder sind Aids Waisen oder selbst HIV positiv. Die große Mehrheit der Schüler kommt aus den umliegenden Slums, was oftmals bedeutet, dass sie unter schwierigsten hygienischen Verhältnissen sehr beengt in Wellblechhütten wohnen. Die Erschütterung, die mich bei einem Besuch in einem solchen Slum befällt, ist schwer in Worte zu fassen. Je nach Familiensituation kommen sie bei Verwandten und Bekannten unter. Häufig werden Geschwister und Cousins von den Großmüttern versorgt. Da es keinerlei soziale Absicherung in Südafrika gibt, ist es ein täglicher Überlebenskampf, der wenig Raum für eine konstruktive Umgang mit Kindern lässt. Die gängigste Erziehungsmaßnahme in den Familien ist im besten Fall Anschreien, im Normalfall aber Schläge – ohne und mit Hilfsmittel. So sind die Kinder geprägt und auch wenn in Südafrika offiziell körperliche Strafen an Schulen verboten sind, ist das Schlagen mit Stab und Rute auch dort an der Tagesordnung. Hope Schools mit ihrem zutiefst christlich geprägten Menschenbild lehnt solche Disziplinierungsmaßnahmen klar ab.


 Die Lehrer hier setzen auf sehr strenge Verhaltensregeln, Konsequenz, Einsicht und Wertschätzung guten Verhaltens. Am Anfang tue ich mir mit dieser absoluten Strenge echt schwer und dabei habe ich mir eingebildet, eigentlich eine sehr konsequente Lehrerin zu sein. Aber gerade was das Klogehen und Trinken anbelangt, bin ich weicher als Miss Lin – und falle prompt damit auf die Nase. Die Erkenntnis „Ok, ich darf ausnahmsweise etwas, weil es so dringend ist, da muss ich mich aber auch entsprechend gut verhalten“ funktioniert nicht. Die Klos werden geflutet, mit dem Trinkwasser wird gepritschelt und dann erlaubt es Miss Anita auch nicht mehr. Mir zerrt es manchmal kräftig an meinem Pädagogenherz, aber ich lerne, dass hier andere Maßstäbe gelten und gelten müssen. Hope Schools ist der einzige Ort, an dem die Kinder so etwas wie Kontinuität und Verlässlichkeit erleben und lernen können. Das Schöne ist, dass Miss Lin eine sehr herzliche Lehrerin ist und wir den Kindern zeigen, dass wir zwar ihr Verhalten nicht immer toll finden, jedes Kind aber als Person mögen. Und so kann es passieren, dass ich ein Kind im 4 Augengespräch richtig – wirklich richtig in den Senkel stelle, es dann betreten davonschleicht, umdreht, zurückrennt, mich umarmt („I love you so, Miss Anita!“) und dann zu seinem Platz saust. Da steht man dann, völlig überrascht, mit einem warmen Herzen und denkt sich: Und es lohnt sich doch!!!

Ein großes Problem für die Kinder und damit auch für die Lehrer ist die unglaublich eingeschränkte Konzentrationsspanne. Ein Großteil der Klasse kann sich nicht länger als 10 Minuten auf eine Sache konzentrieren und ist bei der kleinsten Störung, mit der Aufmerksamkeit dort. Gerne werden dann eigene Erkenntnisse auch den anderen Kindern lautstark mitgeteilt. Damit habe ich vor allem in den Stunden, in denen ich die ganze Klasse unterrichte, echt zu kämpfen. Und das kratzt an meiner Pädagogenehre!!! Immerhin habe ich in Deutschland auch schon etliche schwierige Kinder unterrichtet. Die Wende kommt nach einem Monat. Ich muss die ganze Klasse einen Tag lang alleine unterrichten. Ich will sie unbedingt über Motivation einfangen und gehe gleichzeitig mit dem Vorsatz: “Ich bin heute knallhart“, in den Unterricht. Entweder merken die Kinder meine Entschlossenheit oder die Zeit ist einfach reif. Jedenfalls läuft der Tag gut. Ich kann die Kinder mit einem Spiel belohnen. Von da an wird es besser. Sie verstehen jetzt eher meine Art zu unterrichten und dass Freundlichkeit nicht mit Schwäche gleichzusetzen ist. Später werde ich erfahren, dass es in den Slums nicht üblich ist, freundlich zu sein oder gar zu lächeln. Man zeigt sich cool und hart und festigt damit seine Position. „Nett sein“ ist etwas für Schwache, die sich der Hilfe von anderen versichern müssen. Das sind für mich Erkenntnisse wie von einem anderen Stern. Ich verstehe immer besser, in welchem Spannungsfeld sich die Kinder tagtäglich bewegen und wie unterschiedlich die Werte sind, die wir ihnen in der Schule vermitteln und die, nach denen sie in ihrem sozialen Umfeld daheim leben. Ich habe den größten Respekt für die Lehrer und ihre Arbeit hier, ihre Ausdauer und ihre Bereitschaft, jeden Tag neu anzufangen, sich von 2 Schritte vor und mindestens einen zurück nicht entmutigen zu lassen und dabei die Kinder zu lieben, zu lieben und wenn es schwer ist, erst recht zu lieben.

Da ich ja nur eine begrenzte Zeit da bin, sucht die Schule einen offiziellen learnership für die 2. Klasse und ich soll Miss Mtetu, die bis jetzt keine Lehrerin war, einarbeiten. Damit bin ich jetzt quasi Betreuungslehrer, was mit meinem 6-wöchigen Wissensvorsprung spannend ist. Aber ich versuche mein Bestes und weil Miss Mtetu an allen methodischen Hinweisen sehr interessiert ist, machen Stundenplanung und Besprechung auch echt Spaß. Je mehr die learnership-Aufgaben von mir auf sie übergehen, umso mehr kann ich mich jetzt um einzelne Kinder und Kleingruppen ganz gezielt kümmern. Und sowohl die Kinder als auch ich genießen diese Lernsituationen in vollen Zügen. Hier fällt alles ab, was die Kinder belastet und am Lernen hindert, hier sind sie motiviert und aufmerksam, hier kann ich offen und spielerisch mit ihnen lernen. Und dann kommen Kinder zu Tage, die wissbegierig und glücklich über Erfolge sind, die motiviert sind und weiterarbeiten wollen – auch in die Pause hinein; Kinder die rücksichtsvoll und kameradschaftlich miteinander umgehen und die witzig aber trotzdem respektvoll sind. Das sind für mich die beglückendsten Momente.

Der Abschied fällt mir schwer – natürlich! Dass er mir so schwer fällt, hätte ich selber nicht gedacht. In der assembly, in der sich alle Klassen am Freitag immer treffen, betet die ganze Schule für eine gute Heimkehr für mich und für Gottes Segen auf meinem weiteren Lebensweg. Ich verabschiede mich vom Küchen- und Putzpersonal und meinen Kollegen, die mich so warmherzig aufgenommen haben. Und dann natürlich auch von den Kindern: meiner drama group, vielen Kindern aus anderen Klassen, mit denen ich gebastelt habe, die jeden Morgen beim Sachentragen geholfen oder sich gerne eine Urmarmung für den Tag abgeholt haben, meinen Achtklässlern, die ich auf einem Abenteuer-Hike-Wochenende begleitet habe. Und dann kommt der ziemlich herzzerreißende Abschied von meinen Klassenkindern und mein Tränenlevel steht wirklich an der Unterkante Augenlid. Ich muss mich zusammenreißen ohne Ende - es reicht, dass die Kinder weinen!! Ich bekomme Briefe von den Kindern und bin gerührt, dass sich gerade die größten Rabauken so viel Mühe gegeben haben. Jetzt habe ich Liebeserklärungen, die für den Rest meines ganzen Lehrerlebens reichen und ich gehe von Hope Schools reich beschenkt.

Meine Familie kommt mich abholen und wir reisen noch 2 Wochen durch Südafrika. Ich lerne das Land kennen, wie es Touristen erleben und bin überwältigt von der Schönheit der Natur und natürlich von den Tieren Südafrikas. Ich wünschte, meine Klassenkinder könnten ihr großartiges Land auch mal so sehen.

Es gäbe noch viel Dinge zu erzählen – über die Herausforderungen des Linksverkehrs in einer Stadt im Allgemeinen und was einem so alles auf südafrikanischen Straßen begegnen kann im Besonderen; über Giraffen, die sich auf mein Auto stellen und über Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen. Aber diese Geschichten können persönlich bei mir abgeholt werden.

Hamba Kakuhle